Interkulturelle Kommunikation in der Praxis

27 04 2014
Xela im April

Xela im April

Willkommen zum Sonntag hier in Xela! Leider ist das Wetter trüb, der Himmel mit Wolken verhangen und kaum Sonne zu sehen. Gestern gab es ein HipHop Konzert, die Terrasse vom Hostel war voll von Teenagern und ich hab mich verkrümelt, schlafen konnte ich dann trotzdem erst sehr viel später, so dass ich heute ausgeschlafen habe.

Auf dem Weg zum Lieblingscafe, schon in Gedanken den Café Latte in den Händen und den Cheesecake vor mir, bleibe ich erschrocken stehen. Es ist zu!? Der garagentorähnliche Eingang ist verschlossen. Vielleicht ist das ein Zeichen, mal ein anderes Café auszuprobieren. Ich laufe rum und Ende schließlich im Baveria – Kaffee und Grill – das steht so auf Deutsch hier. Eigentlich etwas abschreckend, man will auf Reisen irgendwie nie in deutschen Cafés sitzen, aber das ist schon anders hier und super schön Innendruck mit Hunderten von Bilderrahmen mit Zeitungsausschnitten, Photos und Postern von Musikern und berühmten Leuten aus längst vergangenen Tagen. Ich trinke Milchkaffee und esse Crêpes mit Nutella und Erdbeeren, Mandeln und Sahne. Wuhu lecker!

Ich komme mir vor, wie in einer anderen Welt, um mich herum sind 60 Prozent der Tische besetzt – mit einzelnen Menschen, genau so wie ich sitzen die meisten hier allein mit ihrem Laptop oder Buch. Ein verliebtes Päärchen in der Mitte bildet die große Ausnahme. Es könnte ein Theaterstück sein, denn es ist so wirr und doch so real. Links neben mir sitzt eine Frau und telefoniert per Skype, rechts neben mir sitzen sich zwei Freundinnen gegenüber, unterhalten sich aber nicht, sondern tippen beide schweigend auf ihren Laptoptastaturen. Noch eine Ausnahme bilden eine Frau und Mädchen vor mir, sie unterhalten sich… Im TV läuft ein Fußballspiel, aber keiner schaut hin. Oh doch, ein Mann schaut zu, Nein, er bezahlt gerade und geht. Ich würde gern ein Photo machen, aber ich glaube, man kann sich das Bild jetzt hier einigermaßen gut vorstellen… Naja und ich sitze hier mit meinem Pad allein, falle also überhaupt nicht auf.

Morgen ist schon wieder Schule, irgendwie freue ich mich, dass es meine letzte Woche ist und ich dann weiterreise. Morgen wäre übrigens mein Abreisetag, ich bin noch am Verhandeln mit American Airlines zum Wechseln des Flugs…

Momostenango und Schule

Momostenango und Schule

Also Schule? Ja. Anstrengend und diese Woche ist dann auch nochmal einiges zusammen gekommen, dass ich mich gefragt habe, ob das überhaupt etwas bringt, dass ich hier bin… Donnerstag war einer von diesen Tagen, wo Du dich das fragst: Die von mir benutzen Marker an der Tafel waren nicht abwischbar, so dass ich später schrubben konnte… die Kinder haben mich mit Maismilch vollgespritzt und den Kampf mit dem Hund ums Brot hab ich mittags auch verloren… Und die Klassen sind so unterschiedlich, manche Kinder sind wirklich interessiert und machen mit, aber andere gar nicht und am Freitag brauchte ich dann auch ein Gespräch, nachdem in der letzten Klasse nicht nur die Kinder nicht mitgemacht haben und kein Lehrer da war, sondern die Kinder rumgesprungen sind und während ich kurz nicht in der Klasse war, sich auf meine Sachen gestürzt haben…

Das Gespräch wär hilfreich, wenn auch keine Besserung in Sicht ist. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass jeden Tag etwas anderes gemacht wird, nur nicht Schule, denn es gab den Wettbewerb ums Singen, die Präsentation der Lesetechniken, diese Woche dann war ein Tag Tag der Eltern und am Freitag Réunion der Lehrer, weswegen sie auch später nicht in den Klassen waren. So ungefähr stimmt das auch, meinte mein Ansprechpartner. Bildung ist nicht so wichtig und einige Familien verstehen auch nicht das Konzept Schule, sie geben ihre Kinder nicht dahin, um etwas zu lernen, sondern damit sie nicht daheim sind und was zu Essen und Trinken bekommen. Viele Kinder sind auch immer noch daheim oder arbeiten und nicht in der Schule. Auch die Lehrer haben eine andere Auffassung vom Unterricht und die ganze Kultur ist natürlich so anders. Er meint, wenn ein Kind nicht zur Schule kommt, geht es zum Lehrer und sagt: „Ich komme morgen nicht.“, ohne um Erlaubnis zu fragen, es ist eine Feststellung. „Warum nicht?“, fragt der Lehrer. „Es gibt eine Fiesta.“ Mhmhmhm… Ja, als Beispiel. Ein weiteres Beispiel: Er meinte zu mir, dass manche Eltern auch keine Bücher kaufen, weil sie zu teuer seien, aber sie geben viel Geld für Kleidung der traditionellen Tänze und Feste aus und für all jenes, aber daheim und in der Schule laufen die Kinder dreckig rum mit kaputten Schuhen, verschlissener Kleidung und ungekämmtem Haar… Da als Lehrer etwas zu unternehmen, sei so schwer.

Er meint zu mir, wenn Du hier arbeiten willst, brauchst Du viel Geduld! Für mich habe ich momentan richtig richtig viel Geduld und trotzdem ist das sooooooo schwer und ich bin ja schließlich auch nicht hier, um die Kinder zu disziplinieren, ich bin ja kein Lehrer im eigentlichen Sinne, ich lehre Englisch auf eine spielerische Art und Weise, bin ein Zwischenstück zwischen Lehrer und Schüler und hätte ehrlich gesagt lieber kleine Klassen mit Schülern, die wirklich Englisch lernen wollen und nicht ganze Klassen, wo die Lehrer bzw. Praktikanten keine Ruhe reinbringen können und nur die Hälfte der Schüler interessiert ist. Ja meine Geduld ist da und ich bereite vor, habe viel über Englisch als Zweitsprache gefunden, habe Spiele zusammengestellt, Spielzeuge, Farben, aber all die Vorbereitung bringt nicht viel, wenn kaum einer mitmacht… Das ist so momentan das größte Manko, die fehlende Mitarbeit und Unterstützung, denn sobald ich in die Klasse gehe, lehnt sich der Praktikant mehr oder weniger zurück und lässt mich allein. Der Lehrer telefoniert auch mal eben in der Stunde oder geht raus oder unterhält sich mit dir vor der Klasse (in der Stunde)… Nunja, mit vielen Sachen kann ich mich arrangieren und habe kein Problem damit, es ist eben anders (und schließlich habe ich Interkulturelle Kommunikation studiert – jetzt ab in die Praxis 😉 ), aber manche Dinge sind dann eben doch schwer theoretisch erfassbar und praktisch immer wieder neu. Wäre sonst auch schade und nahezu langweilig, wenn alles wie in der Theorie glatt läuft…aber wie gesagt, ich kenne es jetzt und habe es mitgemacht und freue mich über die Erfahrungen, aber auch darüber, wieder gehen zu können.

Und sonst so? Musste mich diese Woche stoppen, laut auf der Straße los zu lachen, aber finde es sehr witzig, wenn der Club der anonymen Alkoholiker nicht nur am Haus groß den Namen und die Zeiten zum Treffen ranschreibt, sondern auch noch die Tür zum Saal zur Straße offen ist und jeder hineinschauen kann… Ich habe noch einen letzten Ort in Momos zum Essen, wo man mich allein lässt, in allen anderen bin ich etwas zur Attraktion geworden und mir werden immer Fragen gestellt, also ich bin jetzt „stadtbekannt“, naja ist auch nicht schwer hier ;)… Achja, meine Hose fängt an, sich selbst zu verlieren, erst sind die Schlagstücke am Hosenbein abhanden gekommen, jetzt löst sich langsam der Stoff oben… Ich bin also los zur Shoppingtour und habe nicht nur drei Shirts gekauft, sondern jetzt auch noch eine Jeans, für sagenhafte 10Q.! Wow. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich schon lange keinen richtigen, also großen, Spiegel hatte, zum Glück habe ich einen in meinem Bad, der ist allerdings klein, fürs Gesicht halt… Der Spiegel im „Geschäft“ war übrigens mittelgroß und leicht kaputt und deshalb hoffe ich einfach, dass das jetzt halbwegs ok aussieht mit der Jeans 😉 aber schließlich geht es auch mehr ums praktische als um die Schönheit… Oder?



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2 Antworten zu “Interkulturelle Kommunikation in der Praxis”

  • Simon sagt:

    Hey Sandra 🙂
    Schön dass Du so fleissig blogst.
    Also es ist bei Dir sicher krasser als in Deutschland, aber vom Prinzip sind die Sorgen und Nöte der Lehrer ganz ähnlich. Ich hab das Gefühl mich in Deinen Kommentaren wiederzufinden. Verstehst Deine Paukerfreunde vielleicht besser wenn Du wiederkommst…
    Interkulturelle Kommunikation wäre auch manchmal schon zwischen Lehrern, Eltern und Schülern nötig. 🙂
    Lg und weiter alles Gute

  • Sammy sagt:

    Hi Simon, auf jeden Fall verstehe ich Dich/euch jetzt schon besser, als vorher… das ist auch wieder ein Beispiel dafür, dass man gar nicht weiß, was andere machen und es noch weniger beurteilen kann, wenn man es nicht selbst auch mal gemacht hat. Freue mich über Deinen Kommentar 🙂 Ganz liebe Grüße!

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